40 Jahre Modellbau - Ein Rückblick in Wien

Nach längerem Meinungsaustausch per eMail über unser gemeinsames Hobby lud er mich zu sich ein : Karl Neiger - Plastikflugzeugmodellbauer aus Wien mit 40jähriger Modellbauerfahrung. Das konnte ja nur interressant werden, also fuhr ich über Himmelfahrt 2001 zu Ihm hin in das wunderschöne Wien. Es sollte einer meiner interressantesten Ausflüge überhaupt werden. Karl baut seit den 50er Jahren intensiv Plastikflugzeugmodelle im Masstab 1:72, er hat also das Hobby von Anfang an miterlebt und sich bis heute erhalten.Nach herzlicher Begrüssung durch Ihn und seiner Familie sowie der Einnahme des Abendbrotes ging es in das Reich das meiner Meinung nach mit daran Teil hat ihn bis heute Jung und Frisch zu halten : Seinem Hobbymodellbaukeller mit unzähligen Modellen und über 300 ungebauten Kits - alles aus 4 Jahrzehnten - dies lasse man sich nun erst mal auf der Zunge zergehen ...

Ein Modellbauer mit 40 Jahren Modellbauerfahrung : Karl Neiger aus Wien

An diesem ersten Abend bei Ihm habe ich viel gesehen und wenig erfasst. Die 4 Wände des Hobbyraumes von unten bis oben voll mit Kits und Modellen aller möglichen und unmöglichen Firmen aus jedem Zeitraum. Die fertigen Modelle ( ich weis nicht wie viele es sind) sind in ihren Regalen systematisch nach Zeitraum und Nationalität geordnet : Ein wahres Museum der Luftfahrt ! Und so hat man sie vor sich - die Geschichte der motorisierten Luftfahrt : die Doppel- und Dreidecker des 1.Weltkrieges, die Epochemachenden Klassiker der 20er und 30er Jahre, die Waffen der Kriegführenden Mächte des 2.Weltkrieges, die Jets der 50er und 60er und die Modernen von Heute.

Ein Teil von über 300 ungebauten Modellen...

...in denen Karl (zu meiner Freude) gerne herumschwelgt.

 

 

Das Luftfahrtmuseum : ein Teil der Gegner von einst ....

... oben einige "Exoten" wie die "Rotodyne" (von AIRFIX, 1988 gebaut), in der Mitte Flugzeuge aus den 20er und 30er Jahren und unten Klassiker der Sowjetluftfahrt. (Modelle von REVELL, AIRFIX und ITALERI, gebaut von 1972 bis 2001)

 

 Das alles fasziniert : sehr gut gebaute und lackierte Modelle in Hülle und Fülle und dazu Karls Erzählungen zum einen oder anderem Modell und dessen Originals. Dabei fallen dann die bekannten oder unbekannten Namen wie Heinkel, LS, Fiat, Hasegawa, Whitley und Frog. Mein treuer Begleiter, meine Digitalkamera, klickt und blinkt und blitzt dazu.Ich bin im Lande des Zauberers Oz, aber er heist Karl.

Zwei Flugzeuge der selben Epoche : die Armstrong Whithworth Whitley ( Modell von FROG, 1988 gebaut )...

...und die Junkers Ju-86 (ITALERI, 90er Jahre).

 

 Wir sitzen bis spät in die Nacht und tauschen aus was Flugzeugmodellbauer eben so auszutauschen haben - theoretisches und praktisches, historisches und technisches. Und so kann ich einiges aus der frühen Zeit des Plastikmodellbaus erfahren, z.B. das es wichtig war bei einem neu erschienenen Bausatz diesen schnell zu erwerben da die Qualität der verwendeten Formen schnell nachlies, das die früher bekannte Firma Frog pleite ging, der Name und die Rechte von der Sowjetunion aufgekauft wurden und nun Novo hies. Oder das Airbrushpistolen erst gar nicht verwendet wurden und erst nach und nach in sehr einfacher Form auf dem Markt kamen. Also wurde mit diesen Sprühpistolen viel experementiert - z.B. wurde mit dem vorhalten eines Trichters versucht die Sprühbreite zu verringern... - so plauschen wir bis in die Nacht hinein...

 

Hier sind sie : die tollkühnen Männer und ihre fliegenden Kisten ! (Modelle aus dem Zeitraum 1967-1975, die DH-2 ist von REVELL,1975 )

Ein Teil der Italienischen Modelle.

( Modelle ca. Anfang der 70er, von AIRFIX, REVELL und ITALERI )

 

 

 Am nächsten Morgen geht es los zum Bummel durch die Modellbauläden von Wien und einiger ihrer Kaffeestuben. Am besten ist mir der Modellbauladen "Broz" in Erinnerung geblieben : Auf 2 Etagen alles für den Modellbau und das bei freundlicher und fachkundiger Bedienung. Hier gibt es neben aktuellen Kits aller Richtungen und Hersteller auch sehr alte Kits sowie Decals, Farben mehrer Hersteller, Resin- und Ätzteilsets, Werkzeuge und Hilfsmittel. So soll er sein, der richtige Modellbauladen ! Anschliessend erstmal zur "Auswertung" in die nächste Kaffeestube. Karl teilt meine Befürchtungen : genau diese Läden werden immer seltener. Heute will die Masse der Käufer billige Fertigprodukte - die Freude an eigener Kreativität und Fingerfertigkeit geht allmählich verloren. Obwohl Karl einiges älter als ich ist sind wir beide doch mit Holz- und Metallbausätzen aufgewachsen - einen Teil unserer "Spielzeugwelt" bauten wir uns also selber.Heute werden die Kinder zu Hauf mit Produkten nach dem Motto " Ein Kasten Bier und sie bekommen einen kleinen Truck der Brauerei dazu" abgespeisst. In einer Welt voll mit Werbung, sinnloser Computerspiele und Markenartickeln die schon fast zur Uniformierung führen wird nicht mehr vermittelt das der Weg zum Ziel oft schöner und wichtiger ist als das Ziel selber. Und wenn dann Grosshersteller wie Revell den Markt überschwemmen und auch den kleinen Händlern Mindestabnahmemengen und Sortiment vorschreiben dann haben sie es immer schwerer - die kleinen aber feinen Modellbauläden die eigentlich Modellbau verkaufen wollen und nicht nur Revell.. Und so teilt mir Karl mit das "Broz" demnächst wohl auch aufgeben wird - die Kundschaft nimmt ab und es findet sich auch kein Nachfolger für das Geschäft. Und das in einer Stadt mit 1,8 Millionen Einwohnern !

 

Modelle die man selten sieht : Die Junkers 86 in ziviler Ausführung (ITALERI, 90er Jahre), davor ein BMW und ein Daimler ...

... sowie die legendäre He-70 (MATCHBOX, ca. 1980), die deutsche Antwort auf die Lockheed "Orion" - Hand auf's Herz : wer kennt die Geschichte dieser Flugzeuge noch und hat sie als Modell ?

 

Wir "durchforsten" noch zwei Modellbauläden und kehren dann zurück in Karls "Flugzeugmuseum". Nun bin ich konzentrierter und sehe mir einige -nicht alle, das ist nicht zu schaffen ! - Modelle genauer an. Interressant ist für mich vor allem was so mancher Hersteller im Laufe der Jahre doch an Modellen heraussgebracht hat. Bei Karl steht da so manche Perle wie die Ju-86 in militärischer und ziviler Ausführung oder die Heinkel 70 "Blitz". Wichtige und bekannte Typen sind mehrmals mit verschiedenen Markierungen vertreten. So tummelt sich zwischen mehreren Fw-190 ein über alles in Gelb lackiertes Exemplar - auch dieses Flugzeug hat es gegeben, Karl belegt es mir mit entsprechenden Farbrissen und Texten.

 

Die knallgelbe Fw-190 - mal etwas anderes
(Modell von HASEGAWA, aus den 80ern)

Ein Teil der Modelle ist ca. 40 Jahre alt - man sieht es ihnen teilweise nicht an, manchmal aber doch : Ein Hauptproblem ist das Vergilben von Decals und Klarlack, was besonders auf hell lackierten Flächen auffällt. Aber auch "Katastrophen" machten vor Karl nicht halt. So berichtet er mir vom Einsturz eines seiner Regale das viele Modelle beschädigte oder ganz zerstörte.

 

Ein paar "Amis" aus den 50er' ( die Sabre ein HELLERr-Modell, die Shooting Star von HASEGAWA und die Skywarrior von ITALERI ) ...

... darunter diese F-94, sie hat mich zum Bau derselben animiert.

Aber aufgehört mit bauen hat Karl bis heute nicht. Sein erklärtes Ziel ist sie alle zu haben : die wichtigsten und bekanntesten Flugzeuge aus der Geschichte der Luftfahrt.Zum Bauen hat er wie ich und alle anderen Bastler nicht unbegrenzte Zeit, aber gekauft wird fast immer wenn es etwas Fehlendes, Interressantes oder Neues gibt. Und so haben sie sich eben angesammelt, die über 300 ungebauten Kits wie die X-15 von Revell oder eine uralte Zero von Hasegawa. Aber auch ein paar interressante "Ausrutscher" (soll man das eigentlich so nennen?) sind zu sehen : Einige ungebaute Schiffskits und einige wunderschöne Schiffsmodelle in 1:72. Die stehen im Wohnzimmer - auf Wunsch seiner netten und viel Verständnis für das Hobby aufbringenden Frau.

 

Mit solchen Booten holten die Britten abgestürzte Flugzeugbesatzungen aus den Kanal

Amerikanisches Torpedoboot PT-117. Na wer weiss wer darauf gefahren sein soll?

(Modelle von REVELL und AIRFIX)

Zum Abschluss meine Besuches machte mir Karl noch einige tolle Geschenke : Ein Buch über die Flugzeuge von Heinkel (nun kann ich endlich die Hilfsverstrebungen an meiner He-59 verbessern), sowie Kits der Ki-15 von LS (wer kennt die Beiden ?!), eine Miles Magister von NOVO, eine Fairey Swordfish von Airfix(von 1975) und einen Bausatz der einen langen Weg zu mir hatte : Zu DDR-Zeiten (aus der ich ja komme) gab es vom VEB Plastikart unter anderem eine gar nicht so schlechte AN-14. Diese wurden wie vieles andere überallhin exportiert. So auch nach Ungarn. Dort wurden solche Kits auch von österreichischen Händlern aufgekauft. Mein Freund Karl bekam sie so in einem österreichischem Modellbaugeschäft zu sehen. Da er diesen Typ noch nicht hatte und auch der Hersteller ihm neu war kaufte er gleich zwei davon. Und so kam sie nun nach über 10 Jahren zurück zu mir in die ehemalige DDR ! All diese Kits werde ich bauen und hoffe das sie mir gut gelingen - das bin ich Karl für seine überaus nette Gastfreundschaft, den schönen Stunden in seinem Hobbyraum, seinen Führungen durch sein wirklich wunderschönes Wien mit seinen Sehenswürdigkeiten, Kaffeestuben (wo ich auch sein Gast war - ich durfte dort nie etwas bezahlen...) und seinen Modellbauläden mindestens schuldig

 

Diese He-219 wurde komplett mit Pinsel lackiert !

Das Modell selber ist von FROG, wurde 19070/71 gebaut ( !!!), Die Kanzel ist tiefgezogen

 

Während meines Besuchs kam mir so ganz allmählich die Idee das die Geschichte der Plastikmodelle doch eigentlich ein ganz interressante Sache ist über die ich eigentlich recht wenig weiss. Und so entschloss ich mich über dieses Thema einen Beitrag zu schreiben - un den könnt Ihr auf den folgenden Seiten lesen ...

Diese Tage in Wien waren eine der schönsten die mir mein Leben als Modellbauer beschert hat. Ich möchte mich hier bei Karl, seiner Frau und seiner Tochter für die schönen Stunden bedanken - in der Hoffnung das "Einmal Keinmal ist" !